So stark wird die Rente jedes Jahr erhöht – doch reicht das aus?

Artikel von Mauritius Kloft; aktualisiert am 22.09.2022

Deutschlands 21 Mio. Rentnerinnen und Rentner dürften sich den 1. Juli eines jeden Jahres merken. Denn: Zu diesem Stichtag wird die Rente im Regelfall angehoben, man spricht von einer Rentenerhöhung oder auch Rentenanpassung.

Im Juli 2022 zog die Rente besonders deutlich an – so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr: Im Westen Deutschlands lag die Rentenerhöhung bei 5,35 %, im Osten bei 6,12 %. Doch woran liegt das genau? Wir erklären, von welchen Faktoren die Rentenanpassung bestimmt wird – und was Rentner bei der jährlichen Anhebung beachten sollten.

Wie wird die Rentenerhöhung berechnet?

Die Rentenerhöhung hängt grundsätzlich von der vorausgegangenen Lohnentwicklung ab. Verkürzt gesagt: Steigen die Durchschnittslöhne in einem Jahr, steigen die Renten im darauffolgenden Jahr. Doch ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht. Denn die Rentenanpassung hängt von einer Vielzahl von statistischen Faktoren ab, die Niederschlag in der folgenden Rentenanpassungsformel finden:

Rentenerhöhung in Euro = bisheriger Rentenwert × Lohnfaktor × Beitragssatzfaktor × Nachhaltigkeitsfaktor × ggf. Nachholfaktor

Doch der Reihe nach:

Rentenwert

Der Rentenwert bestimmt – der Name lässt es vermuten – wie viel ein Rentenpunkt wert ist. Wenn Sie Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung zahlen, sammeln Sie Rentenpunkte. Diese bilden die Basis für die spätere Rentenhöhe. Im Jahr 2022 ist ein Rentenpunkt in Westdeutschland 36,02 €, in Ostdeutschland 35,52 € wert. Auch bei der Berechnung der Grundrente kommt der Rentenwert ins Spiel.

Lohnfaktor

Der Lohnfaktor bildet die Lohnentwicklung des vergangenen Jahres ab – genauer: wie stark die Durchschnittslöhne im vergangenen Jahr im Vergleich zu dem Jahr davor gestiegen oder gesunken sind. In den Lohnfaktor wird jedoch noch ein Korrekturfaktor eingerechnet. Dieser ist wichtig, da die relevanten Daten zur Lohnentwicklung erst mit etwas Verzögerung feststehen. Eine mögliche Diskrepanz fängt der Korrekturfaktor auf und lässt sie in die Rentenanpassung mit einfließen.

Beitragssatzfaktor

Dieser Faktor hängt, wie der Name vermuten lässt, vom Rentenbeitrag ab. Steigt der Rentenbeitrag vom vorvergangenen zum vergangenen Jahr an, wirkt das in der Rentenanpassungsformel entsprechend dämpfend. Bleibt der Beitrag dagegen gleich, wird der entsprechende Faktor gleich „1“ gesetzt – und kann somit bei der Berechnung ignoriert werden.

Nachhaltigkeitsfaktor

Der Nachhaltigkeitsfaktor setzt die aktuellen Rentnerinnen und Rentner ins Verhältnis zu den Beitragszahlern. So soll die Rentenkasse geschont und „nachhaltig“ aufgestellt werden. Konkret funktioniert der Faktor so: Sollte die Anzahl der Rentner schneller steigen als die Anzahl der Beitragszahler, dämpft das die Rentenerhöhung. Zieht die Zahl der Beitragszahler hingegen zügiger an als die Zahl der Rentenbezieher, steigert das die Rente.

Rentengarantie

Der Lohnfaktor, der Beitragssatzfaktor und der Nachhaltigkeitsfaktor werden mit dem bisherigen Rentenwert multipliziert, um den Prozentsatz für die Rentenanpassung zu erhalten. Rentenkürzungen sind dagegen nicht möglich, sie sind gesetzlich ausgeschlossen. Dafür sorgt die sogenannte Schutzklausel. Diese Regelung ist auch als Rentengarantie bekannt.

Nachholfaktor

Doch wegen dieser Schutzklausel kommt, wenn nötig, ein weiterer Faktor ins Spiel: Der sogenannte Ausgleichsfaktor, auch als Nachholfaktor bekannt. Dieser greift dann, wenn bei der Berechnung der Rentenanpassung sich eigentlich eine Rentenkürzung ergeben hätte, die wegen der Rentengarantie aber ausgeschlossen ist. Der Nachholfaktor ergibt sich dann aus dem nötigen Ausgleichsbedarf, der entsteht.

Um diesen Faktor wird der Betrag der Rentenanpassung folglich gekürzt, jedoch maximal halbiert. Eine Rentenanhebung darf durch den Nachholfaktor also maximal halb so hoch ausfallen wie ohne. Das heißt in der Folge: Bei einer geringen Rentenerhöhung ist es möglich, dass ein Ausgleichsbedarf nicht vollständig abgebaut werden kann. Also wird der Rest-Ausgleichsbedarf in die kommenden Jahre mitgenommen und kürzt dann entsprechend die Renten.


Beispiel
Wir gehen davon aus, dass der aktuelle Rentenwert von 36,02 € in Westdeutschland theoretisch auf 35,48 € gekürzt werden müsste – also um 0,54 €. Der Ausgleichsbedarf liegt also bei 0,75 % bzw. 0,9925 (1 – 0,0075). Die nächste Rentenerhöhung liegt nun bei 2,7 % bzw. 1,027. Dann gilt folgende Formel:

1,027 × 0,9925 = 1,0193

Die nächste Rentenanpassung wird folglich um den Ausgleichsbedarf von 0,75 % gekürzt, sie liegt also nur noch bei 1,93 %. Der maximale Ausgleichsbedarf hätte bei 1,35 % liegen dürfen, der Hälfte von 2,7 %. Der Ausgleichsbedarf von 0,75 % wird folglich ganz abgebaut.

Durch den Nachholfaktor stellt der Bund sicher, dass die Rentenkasse nicht übermäßig belastet wird. Denn: Auch Deutschlands Rentner tragen es entsprechend mit, wenn die Löhne sinken. Der Nachholfaktor wurde erst von der aktuellen Bundesregierung wieder aktiviert, nachdem er von Sozialminister Hubertus Heil (SPD) im Jahr 2016 ausgesetzt worden war.

Der Gesetzgeber hat festgeschrieben, dass das Rentenniveau bis 2025 nicht unter 48 % fallen darf. Diese sogenannte Haltelinie, auch als Niveausicherungsklausel bekannt, muss der Bund daher bei einer Rentenanpassung ebenfalls im Blick haben – und die Rente im Zweifelsfall erhöhen.

Das Rentenniveau ist dabei eine theoretische Größe und zeigt das Verhältnis zwischen der durchschnittlichen Rentenhöhe eines Versicherten nach 45 Beitragsjahren – dem sogenannten Standardrentner – und dem durchschnittlichen Einkommen eines Arbeitnehmers. Übersetzt bedeutet ein Rentenniveau von 48 %: Nach 45 Jahren, in denen Sie Beiträge zur Versicherung gezahlt hätten, bekämen Sie mindestens 48 % eines heutigen Arbeitnehmers.

Warum steigen die Renten im Osten und Westen unterschiedlich stark?

Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall unterscheidet die Rentenversicherung noch Osten und Westen. Das hat den Grund, dass das Rentenniveau im Osten im Vergleich zum Niveau in Westdeutschland Anfang der 1990er-Jahre nur bei 40 % lag.

Daher gleicht die Rentenversicherung die Ostrenten schrittweise den Westrenten an – genauer: Sie wertet die Ostrenten hoch. Dadurch liegt die Rentenerhöhung im Osten immer mindestens bei 0,7 %, selbst in Nullrunden, also wenn der Rentenanstieg eigentlich ausfiele.

Aktuell liegt der Rentenwert im Osten bei mehr als 97 % des Werts im Westen, bis 1. Juli 2024 soll er 100 % erreicht haben. Sollten die Löhne im Osten jedoch deutlich schneller steigen als im Westen, wäre es möglich, dass sich die Renten auch schon vorher angleichen könnten. Auch die Beitragsbemessungsgrenze, also die Grenze, bis zu der man Rentenpunkte sammeln kann, ist in Ostdeutschland noch etwas geringer. Sie steigt jedoch ebenfalls schrittweise an.

Reicht die Rentenerhöhung aus?

Das ist die entscheidende Frage. Tatsächlich fielen die Rentenerhöhungen in den vergangenen Jahren recht üppig aus, wie folgende Tabelle zeigt:


Jahr

Alte Bundesländer

Neue Bundesländer
2022 5,35 % 6,12 %
2021 0,72 %
2020 3,45 % 4,20 %
2019 3,18 % 3,91 %
2018 3,22 % 3,37 %
2017 1,90 % 3,59 %
2016 4,25 % 5,95 %
2015 2,10 % 2,50 %
2014 1,67 % 2,53 %
2013 0,25 % 3,29 %
2012 2,18 % 2,26 %

Wie Sie der Tabelle entnehmen können, gab es im Jahr 2021 eine Nullrunde. Ursache hierfür waren die stark gefallenen Durchschnittslöhne im Jahr 2020 durch die Corona-Krise. Damals hätten die Renten eigentlich gekürzt werden müssen, das verhindert aber die Rentengarantie. Also ist ein Ausgleichsbedarf entstanden, der mit dem Nachholfaktor 2022 abgebaut worden ist. Weil sich die Löhne von 2020 zu 2021 stark erhöhten, zogen auch die Renten entsprechend deutlich an. Wegen der Finanzkrise mussten Rentner im Jahr 2010 schon einmal auf das Rentenplus verzichten.

Ob die jährliche Rentenerhöhung indes ausreicht, um den Lebensstandard angesichts der Inflation zu halten, ist eine persönliche Frage, auf die es keine pauschale Antwort gibt. Klar ist aber: Verlassen sollten Sie sich nicht darauf. Denn die absolute Höhe der Rentenanpassung ist von der Höhe Ihrer Rente, also des Grundbetrags, abhängig. Und sollte diese schmal ausfallen, bringt Ihnen auch eine satte Rentenerhöhung wenig.

Sie sollten sich bereits frühzeitig mit Ihrer Altersvorsorge beschäftigen. Wahrscheinlich ist es auch sinnvoll, privat vorzusorgen. Das geht etwa, indem Sie Ihr Geld breit gestreut am Aktienmarkt anlegen – über sogenannte ETF. Auch digitale Immobilieninvestments wie BERGFÜRST sie anbietet, können Ihre Altersvorsorge ergänzen. Wichtig ist aber stets, dass Sie auf die richtige Diversifikation achten.

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Welche Renten unterliegen der Rentenerhöhung?

Neben der klassischen Altersrente profitieren noch mehr Rentnerinnen und Rentner in Deutschland von der Rentenerhöhung. So unterliegen Erwerbsminderungsrenten der Rentenanpassung – das gilt auch für die Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung.

Die jährliche Rentenerhöhung greift auch für Hinterbliebenenrenten. Also werden auch Witwenrenten, Witwerrenten und Waisenrenten jedes Jahr angepasst. Ebenso wie bei Altersrenten gilt auch bei den anderen Rentenarten das Datum 1. Juli.

Wann wird die Rentenerhöhung ausgezahlt?

Das kommt in der Regel auf den Zeitpunkt des Renteneintritts an. So überweist die Rentenversicherung die erhöhte Rente bereits Ende Juni an die Rentner, die bis März 2004 in den Ruhestand eingetreten sind. Bei einem späteren Renteneintritt gibt es die höhere Zahlung erst einen Monat später, also Ende Juli.

Wie hoch eine Rentenerhöhung ausfällt, steht in der jährlichen Rentenanpassungsmitteilung. Diese wird je nach Renteneintritt bis Ende Juni oder bis Ende Juli verschickt. Sollten Sie Ihre Rentenanpassungsmitteilung nicht mehr finden, können Sie eine Zweitausfertigung von der Deutschen Rentenversicherung beantragen.

Kann ich bei der Rentenerhöhung in die Steuerpflicht rutschen?

Ja, das ist möglich. Denn: Die jährliche Rentenerhöhung ist voll steuerpflichtig. Dadurch rutschen bei einer Rentenanpassung jedes Jahr Tausende Ruheständler in die Steuerpflicht.

Um diesen Mechanismus zu begreifen, ist es entscheidend, zunächst die Logik der Rentenbesteuerung zu verstehen. In Deutschland werden Renten seit 2005 nachgelagert besteuert, also: Die Aufwendungen für die Altersvorsorge werden zunehmend steuerfrei, während die Rentenbezüge im Alter dann schrittweise besteuert werden.

Wie groß der steuerpflichtige Anteil der Rente ist, hängt vom Jahr des Renteneintritts ab – und bleibt dann ein Leben lang gleich. So lag der steuerpflichtige Anteil der Rente vor 2006 bei 50 %, seitdem steigt er von Jahr zu Jahr an. Bei einem Renteneintritt im Jahr 2040 soll er bei 100 % liegen, der Rentenfreibetrag entsprechend entfallen. Nach einem Urteil des Bundesfinanzhofs (BFH) muss der Bund jedoch die Rentenbesteuerung anpassen und den steuerpflichtigen Anteil der Rente langsamer steigen lassen.

Im Gegenzug zur Rentenbesteuerung im Alter können die Aufwendungen für die Altersvorsorge, also die Rentenbeiträge, zunehmend von der Steuer abgesetzt werden. Die Ampelregierung plant, auch in Folge des BFH-Urteils, die Rentenbeiträge bereits kommendes Jahr voll von der Steuer absetzbar zu machen.

Wann Sie als Rentner eine Steuererklärung abgeben müssen

Zurück zu den jährlichen Rentenanpassungen: Dadurch dass die Rentenerhöhungen voll steuerpflichtig sind, erhöhen sie den steuerpflichtigen Anteil der Rente insgesamt. Doch sollte dieser Betrag oberhalb des steuerlichen Grundfreibetrags liegen, müssen Rentner eine Steuererklärung abgeben – und womöglich auch Steuern auf ihre Rente zahlen.

Der Grundfreibetrag steigt jedoch auch jedes Jahr an. 2021 lag er noch bei 9.744 € für Singles und bei 19.488 € für gemeinsam veranlagte Ehepaare. 2022 liegt er bereits bei 10.347 € bzw. 20.694 €.

Sie sollten darauf achten, ob Sie als Ruheständler durch das Rentenplus in die Steuerpflicht rutschen und eine Steuererklärung abgeben müssen. Das kann etwa passieren, wenn Sie bereits mehrere Rentenerhöhungen erhalten haben oder Ihre Rente von vornherein vergleichsweise hoch ausfällt. Informieren Sie sich am besten bei einem Lohnsteuerhilfeverein, einem Steuerberater oder dem Bund der Steuerzahler.

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