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FinTech – eine digitale Gefahr für Banken?

Anna Baier, 22.08.2017

Internet-Giganten wie Google, Amazon, Netflix und Spotify haben den Konsum vieler Produkte radikal verändert – von Informationen über Bücher, Serien und Filme bis hin zu Musik. Nach der Internet-Revolution in der Unterhaltungsindustrie und dem Shopping-Sektor haben Entwickler und Entrepreneure jetzt die Finanz- und Bankenbranche für sich entdeckt, wo technischer Fortschritt lange auf sich warten ließ.
Ob Startup oder etabliertes Unternehmen: Viele Firmen beschreiben sich heutzutage mit dem medienwirksamen Begriff „FinTech” (engl. von „financial services” und „technology”). Ihre Geschäftsmodelle sind zahlreich und variabel: Mobile Zahlungsmöglichkeiten gehören ebenso zu FinTechs wie Online-Kontenführung, Kreditvermittlung, Software zur computerisierten Vermögensberatung (sog. „Robo-Advisors”) und digitalen Kapitalanlagen – wie auch BERGFÜRST. Dabei wenden alle FinTechs Internet-basierte Technologien, kundenzentrierte Ansätze und moderne Systeme an, um die Digitalisierung von Finanzprodukten zu erwirken. Damit greifen sie die Bankenwelt an.

Bankfilialen adé

Jeder zweite Deutsche (49 %) nutzt mittlerweile Online-Banking. Damit ist Deutschland aber noch weit hinter Luxemburg (67 %), den Niederlanden (83 %) oder skandinavischen Ländern wie Norwegen, wo 2014 immerhin 89 % der Verbraucher ihre Transaktionen im Netz tätigten
(Statista ).

Jeder zweite Deutsche nutzt Online-Banking

Quelle: Statista

Bankfilialen werden also immer unbeliebter. Das macht sich unter anderem Girokonto-Anbieter Number26 zu Nutze: geworben wird mit innovativen Lösungen zum Online- und Mobile-Banking. Andere FinTechs wie Paypal, Paydirekt und Billpay vereinfachen Transaktionen im Netz, zum Beispiel über Services wie Ratenzahlungen. Den Fortschritt der Digitalisierung zeigt auch das zum FinTech des Jahres 2015 gekürte Unternehmen Gini. Es handelt sich dabei um ein Tool für die semantische Datenanalyse von Dokumenten. Der Kunde fotografiert beispielsweise eine Rechnung, deren Daten strukturiert erfasst und dann automatisch in die Maske einer Online-Überweisung eingefügt werden. Damit soll dem Endnutzer, von kleinen Unternehmen bis hin zu Banken, der bürokratische Mehraufwand des Abtippens abgenommen werden.

Selbst Portfolios generieren

War die Bank unlängst noch der erste Gesprächspartner in Sachen Finanzberatung und Geldanlage, so geht heute der Trend zum DIY („do it yourself”). Selbst ist der Anleger: Spar- und Haushaltspläne, Budgets, und online verwaltete Investment-Portfolios können von Ihnen selbst per Algorithmus generiert und an Ihre Bedürfnisse angepasst werden. Die Anbieter haben kurze, prägnante Namen: Sie heißen Mint oder vaamo und locken mit kostenschlanken bis kostenlosen Strukturen, da Beratung und Verwaltung von Geldanlagen immer weniger von Personen, sondern zunehmend von einem Computer durchgeführt werden. Auch Investment und Trading funktionieren mittlerweile im Netz über Online-Broker wie flatex und degiro.

Neue Möglichkeiten im Ausland

Die Suche nach hohen Renditen macht erfinderisch und geht mittlerweile über Landesgrenzen hinweg. Die Zinsen für Tages- und Festgelder innerhalb Deutschlands sind Ihnen zu gering? Finden, vergleichen, und investieren Sie in ein Konto im Ausland über sogenannte Zinsbroker wie Weltsparen, savedo und Zinspilot. Trotz der Gesetzeslage zur Einlagensicherung innerhalb der Europäischen Union ist bei diesen Angeboten dennoch Vorsicht angebracht: Nominell sind zwar Einlagen von 100.000 € pro Kunde und Institut gesetzlich abgesichert.

Sollten jedoch mehrere (Groß-) Banken oder Finanzinstitute im Zuge einer Krise pleite gehen, werden längst nicht alle EU-Länder in der Lage sein, für die Einlagen ihrer Kunden zu garantieren. Beachten sollten Sie darum bei der Auswahl eines solchen Kontos nicht nur die verlockend

hohen Zinsen
, sondern auch die Bonität des EU-Landes, in welchem sich das Institut befindet.

Crowdfunding: ein oft verwechselter Begriff

Ein besonderes Phänomen der zunehmenden Digitalisierung in der Finanzbranche ist das so genannte Crowdfunding. Dabei kann sich der „Schwarm”, also die Masse an Privatanlegern, an den unterschiedlichsten Projekten beteiligen. Zunächst waren damit nur Seiten wie kickstarter oder indiegogo gemeint, bei denen sich Spender an Jungunternehmen, gemeinnützigen Projekten oder gar Filmen beteiligen konnten und im Gegenzug kleine Extras als Dankeschön erhielten. Seitdem hat der Begriff an Bedeutung gewonnen und umfasst auch die folgenden Konzepte:

Übersicht: Crowdfunding
Crowdlending

Internetplattformen wie Auxmoney, Smava oder Kreditech haben die Kreditvermittlung für Privatanleger digitalisiert. Ihre größte Waffe ist, dass Kredite von Privatpersonen an Privatpersonen vergeben werden können – direkt, ohne Banken oder andere Kreditinstitute dazwischen. Das soll persönlicher und obendrauf noch rentabel für die Anleger (Verleiher) sein. Die Bonitätsprüfung der Kreditnehmer übernimmt dabei die Plattform. Sie erzeugt einen Bonitäts-Score, von dem dann der nominale Zinssatz abhängt, den die Gläubiger erhalten. Je besser der Score, desto geringer soll das Risiko des Zahlungsausfalls sein und desto geringer sind die Zinssätze für die Investoren. Obwohl viele Plattformen zusätzlich zu ihren eigenen Ratings noch externe Bonitätsbewertungen wie beispielsweise den Schufa-Score angeben, kann es für Anleger schwierig sein, die Kreditwürdigkeit von Personenkrediten einzuschätzen.

Crowdinvesting

Mit dem Begriff Crowdinvesting werden allgemein Kapitalanlagen bezeichnet, in die eine Masse von Privatanlegern Geld investieren kann. Die bekannteste Anlageform ist hier das Investment in „Startups”, also junge Unternehmen mit Kapitalbedarf. Ähnlich wie beim Crowdlending prüft grundsätzlich die Plattform die Konzepte der Unternehmen oder Personen, die Geld einsammeln möchten. Dann werden die notwendigen Informationen den Anlegern auf der Plattform präsentiert, damit sie sich selbst ein Bild von Risiken und Renditechancen machen können. Weil trotz vieler guter Ideen in der Gründerszene viele junge Unternehmen nach wenigen Jahren aufgeben, können diese Investments sehr riskant sein und sogar zum Totalausfall führen. Im Erfolgsfall bieten diese Investments jedoch auch eine verhältnismäßig hohe Rendite.

PropTech

Das gemeinsame Investieren in Immobilien fällt ebenfalls unter den Schirm des Begriffs Crowdinvesting. Dafür gibt es das neue Kofferwort „PropTech” (eng. „Property” – Immobilie), das zum Buzzword werden könnte, um das
Immobilien-Investment
von den anderen Formen des FinTech abzugrenzen.

Wie bei Immobilienfonds können Sie sich dabei als Anleger an verschiedenen Immobilienobjekten gleichzeitig beteiligen – von Wohnungen über Pflegeheimen bis hin zu Gewerbe- und Bestandsimmobilien wie Kaufhäusern. Gleichzeitig hat das PropTech viele Vorteile gegenüber offenen Immobilienfonds: Sie können selbst bestimmen, in welche und wie viele Anlageobjekte Sie investieren. Weil
Immobilien Crowdinvesting Plattformen wie BERGFÜRST auch die Möglichkeit bieten, die erworbenen Anteile im Rahmen von Angebot und Nachfrage wieder zu veräußern, ist Ihr Kapital zudem nicht zwingend auf lange Zeit gebunden.

Das Raffinierte an dieser Form der Schwarmfinanzierung ist, dass bis vor Kurzem nur große Investoren die Möglichkeit hatten, sich als

Mezzanine Kapital
-Geber
an Immobilienprojekten mit lukrativen Zinsen zu beteiligen. Nur sie konnten die hohen Einstiegsbeträge dafür aufbringen. Weil nun Crowdinvesting-Plattformen das Geld vieler Investoren bündeln, können nun auch Privatanleger von dieser Anlageklasse profitieren.

Auf Nummer sicher: InsurTech

Auch beim InsurTech (eng. „Insurance” – Versicherung) handelt es sich um eine Unterform des FinTech. Unternehmen in dieser Gruppe haben sich auf die Fahnen geschrieben, die Versicherungsbranche zu modernisieren. In Deutschland gibt es heute knapp 20 ihrer Art, Tendenz steigend. Sie bieten Lösungen in verschiedenen Versicherungsbereichen an:

Übersicht: InsurTech
Contract-Management/Brokerage

Ein großer Teil der neuen InsurTechs – beispielsweise treefin, Getsafe oder das FinLeap-Venture Clark – sind im Grund nichts anderes als klassische Versicherungsmakler, die Kunden die Verwaltung von Versicherungen erleichtern und Beratungsleistungen anbieten. Die Nutzer legen ihre vorhandenen Versicherungsverträge in einer App ab und bekommen im Gegenzug eine Übersicht über die bestehenden Versicherungen.

Peer-to-peer-Insurance

Bei Insurances wie Friendsurance werden die Versicherungsnehmer in Gruppen zusammengefasst und ihre Versicherungsbeiträge in einem gemeinsamen Pool gesammelt.

Spot-Insurance

In manchen Situationen benötigen Verbraucher nur eine kurzzeitige Versicherung, zum Beispiel wenn sie ihren Kinderwagen für 12 Monate gegen Diebstahl versichern möchten oder einen 24-Stunden-Drittfahrerschutz abschließen wollen. Diesen Bereich umfasst die sogenannte Spot-Insurance.

Health-Insurance

Die meisten InsurTechs haben sich bisher im Gesundheitsbereich angesiedelt. Sie sammeln die Gesundheitsdaten, vernetzen sich mit Ärzten und können so kundenzentrierte Versicherungsmodelle anbieten.

Die Liste der Versicherungsbereiche lässt sich noch beliebig lang erweitern: eCommerce-Insurance, Usage Driven Insurance, Car Insurance – für jede Lebenssituation, jedes Nutzungsverhalten, jede Risikogruppe gibt es jeweilige Versicherungsangebote. Ein Vorteil dieser Branche ist ihre Flexibilität. Kritisiert werden die Online-Unternehmen jedoch immer wieder von ihren Offline-Pendants. Diese werfen ihnen vor allem mangelnde Transparenz vor.

Fazit: Werden Banken und Versicherungen überflüssig?

Die neuen Formen des FinTech übernehmen viele der Aufgaben, die bislang den traditionellen Banken und ihren Standortfilialen kampflos überlassen wurden. Nach der Finanzkrise schwindete das Vertrauen in Banken und Kreditinstitute. Das ist von Vorteil für den neuen digitalen Zweig der Finanzbranche. Die Hemmschwelle für den Nutzer sinkt zudem, weil Online-Verträge oft nicht einmal eine Unterschrift benötigen und bequem von Zuhause mit ein paar Klicks abgeschlossen werden. Es ist jedoch schwierig, seriöse Angebote von leeren Versprechungen oder gar Fälschungsversuchen zu unterscheiden. Gerade weil die Branche jung und im Wachstum ist, ist außerdem der Konkurrenzkampf groß – und auch der ein oder andere Vorreiter wird ebenso schnell verschwinden, wie er aufgetaucht ist. Zudem stehen FinTech Unternehmen erst am Anfang: noch können die etablierten Geldinstitute mit ihrer großen Stammkundenbasis an ihren Schwächen arbeiten und sich für Privatanleger attraktiver gestalten. Nur dann werden Banken langfristig mit der wachsenden digitalen Konkurrenz mithalten können.

Bild-Copyright: NPFire / Shutterstock.com