FinTech – eine digitale Gefahr für Banken?

Von Anna Baier – aktualisiert am 14.04.2022

Internet-Giganten wie Google, Amazon, Netflix oder Spotify haben den Konsum vieler Produkte radikal verändert – von
Informationen über Bücher, Serien und Filme bis hin zur Musik. Nach der Internet-Revolution in der
Unterhaltungsindustrie und dem Shopping-Sektor haben Entwickler und Entrepreneure jetzt die Finanz- und
Bankenbranche für sich entdeckt, wo digitaler Fortschritt lange auf sich warten ließ.

Ob Startup oder etabliertes Unternehmen: Viele Firmen beschreiben sich heutzutage mit dem medienwirksamen Begriff
„FinTech“ (engl. von „financial services“ und „technology“). Ihre Geschäftsmodelle
sind ebenso zahlreich wie variabel: Mobile Zahlungsmöglichkeiten gehören genauso zu FinTechs wie
Online-Kontenführung, Kreditvermittlung, Software zur computerisierten Vermögensberatung (sogenannte Robo Advisor) und digitalen Kapitalanlagen (wie BERGFÜRST).

Dabei wenden alle FinTechs internetbasierte Technologien, kundenzentrierte Ansätze und
moderne Systeme an, um die Digitalisierung von Finanzprodukten voranzutreiben. Damit werden sie zur
Konkurrenz für klassische Finanzhäuser und greifen die Bankenwelt an.

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Bankfilialen adé

Über zwei Drittel der Deutschen (65 %) nutzte im Jahr 2020 Online-Banking. Damit liegt Deutschland zwar
knapp über dem EU-Durchschnitt von 60 %, aber immer noch weit hinter seinen EU-Nachbarn Dänemark (94 %)
und den Niederlanden (89 %). Nur in einem von Deutschlands EU-Nachbarländern wird Online-Banking weniger
genutzt als hierzulande: in Polen (49 %).

Anteil der Online-Banking Nutzer im Jahr 2020 nach Ländern

Anteil der Online-Banking Nutzer im Jahr 2020 nach Ländern
Quelle: Eurostat , Stand:
April 2021

Bankfilialen werden also immer unbeliebter. Das macht sich unter anderem Girokonto-Anbieter N26 zu Nutze: Geworben
wird mit innovativen Lösungen zum Online- und Mobile-Banking. Andere FinTechs wie Paypal, Paydirekt und Billpay
vereinfachen Transaktionen im Netz, zum Beispiel über Services wie Ratenzahlungen.

Den Fortschritt der Digitalisierung zeigt auch das bereits 2015 zum FinTech des Jahres
gekürte Unternehmen Gini. Es handelt sich dabei um ein Tool für die semantische Datenanalyse von Dokumenten.
Der Kunde fotografiert beispielsweise eine Rechnung, deren Daten strukturiert erfasst und dann automatisch
in die Maske einer Online-Überweisung eingefügt werden. Damit soll dem Endnutzer, von kleinen Unternehmen
bis hin zu Banken, der bürokratische Mehraufwand des Abtippens abgenommen werden.

Selbst Portfolios generieren

War die Bank unlängst noch der erste Gesprächspartner in Sachen Finanzberatung und Geldanlage, so geht heute der
Trend zum DIY (engl. „do it yourself“). Selbst
ist der Anleger: Spar- und Haushaltspläne, Budgets, und online verwaltete Investment-Portfolios können von Ihnen
selbst per Algorithmus generiert und an Ihre Bedürfnisse angepasst werden.

Die Anbieter haben kurze, prägnante Namen: Sie heißen Mint oder vaamo und locken mit kostenschlanken bis kostenlosen
Strukturen, da Beratung und Verwaltung von Geldanlagen immer weniger von Personen, sondern zunehmend von einem
Computer durchgeführt werden. Auch Investment und Trading funktionieren mittlerweile im Netz über Online-Broker wie
flatex und degiro.

Neue Möglichkeiten im Ausland

Die Suche nach hohen Renditen macht erfinderisch und geht mittlerweile über Landesgrenzen hinaus. Die Zinsen für
Tages- und Festgelder innerhalb Deutschlands sind Ihnen zu gering? Finden, vergleichen und investieren Sie in ein
Konto im Ausland über sogenannte Zinsbroker wie Weltsparen, savedo und Zinspilot.

Trotz der Gesetzeslage zur Einlagensicherung
innerhalb der Europäischen Union ist bei diesen Angeboten dennoch Vorsicht angebracht: Nominell sind zwar Einlagen
von 100.000 € pro Kunde und Institut gesetzlich abgesichert. Sollten jedoch mehrere (Groß-) Banken oder
Finanzinstitute im Zuge einer Krise pleite gehen, werden längst nicht alle EU-Länder in der Lage sein, für die
Einlagen ihrer Kunden zu garantieren.

Beachten sollten Sie darum bei der Auswahl eines solchen Kontos nicht nur die verlockend hohen Zinsen, sondern auch die
Bonität des EU-Landes, in welchem sich das Institut befindet.

Crowdfunding: ein oft verwechselter Begriff

Ein besonderes Phänomen der zunehmenden Digitalisierung in der Finanzbranche ist das sogenannte Crowdfunding. Dabei kann sich die „Crowd“
(dt. „Menschenmenge“), also die Masse an Privatanlegern, an den unterschiedlichsten Projekten beteiligen.

Ursprünglich waren mit Crowdfunding ausschließlich Plattformen wie kickstarter.com oder indiegogo.com gemeint, auf
denen sich Spender an Jungunternehmen, gemeinnützigen Projekten oder gar Filmen beteiligen konnten. Im Gegenzug
erhielten die Geldgeber kleine Extras als Dankeschön.

Doch seitdem hat sich die Bedeutung des Begriffes verändert und erweitert. Inzwischen werden gleich mehrere Konzepte
unter dem Begriff Crowdfunding zusammengefasst.

Crowdlending

Internetplattformen wie Auxmoney, Smava oder Kreditech haben die Kreditvermittlung für
Privatanleger digitalisiert.

Ihre größte Waffe ist, dass Kredite von Privatpersonen an Privatpersonen (Crowdlending) vergeben werden können – direkt, ohne
Banken oder andere Kreditinstitute dazwischen. Das soll persönlicher und obendrauf noch rentabel für die Anleger
(Verleiher) sein.

Die Bonitätsprüfung der Kreditnehmer übernimmt dabei die Plattform. Sie erzeugt einen Bonitäts-Score, von dem dann
der nominale Zinssatz abhängt, den die Gläubiger erhalten. Je besser der Score, desto geringer soll das Risiko des
Zahlungsausfalls sein und desto geringer sind die Zinssätze für die Anleger.

Obwohl viele Plattformen zusätzlich zu ihren eigenen Ratings noch externe Bonitätsbewertungen wie beispielsweise den
Schufa-Score angeben, kann es für Anleger schwierig sein, die Kreditwürdigkeit von Personenkrediten einzuschätzen.

Crowdinvesting

Mit dem Begriff Crowdinvesting werden alle
Kapitalanlagen bezeichnet, in die eine Masse von Privatanlegern über eine Online-Plattform Geld anlegen kann. Die bekannteste Anlageform
ist hier das Investment in Startups, also
junge Unternehmen mit Kapitalbedarf.

Ähnlich wie beim Crowdlending prüft grundsätzlich die Plattform die Konzepte der Unternehmen oder Personen, die Geld
einsammeln möchten. Dann werden die notwendigen Informationen den Anlegern auf der Plattform präsentiert, damit sie
sich selbst ein Bild von Risiken und Renditechancen machen können.

Weil trotz vieler guter Ideen in der Gründerszene viele junge Unternehmen nach wenigen Jahren aufgeben,
können diese Investments sehr riskant sein und sogar zum Totalausfall führen. Im Erfolgsfall bieten diese
Investments jedoch auch eine verhältnismäßig hohe
Rendite
.

PropTech

Das gemeinsame Investieren in Immobilien fällt ebenfalls unter den Schirm des Begriffs
Crowdinvesting. Dafür gibt es das neue Kofferwort „PropTech“ (engl. von „property“ und
technology“), das zum Buzzword werden könnte, um das Immobilien-Investment von den anderen
Formen des FinTech abzugrenzen.

Wie bei Immobilienfonds können Sie sich
dabei als Anleger an verschiedenen Immobilienobjekten gleichzeitig beteiligen – von Wohnungen über Pflegeheime bis hin zu Gewerbe- und Bestandsimmobilien wie Kaufhäusern.

Gleichzeitig hat das PropTech viele Vorteile gegenüber offenen Immobilienfonds: Sie können selbst
bestimmen, in welche und wie viele Anlageobjekte Sie investieren. Weil Plattformen für Immobilien-Crowdinvesting, wie BERGFÜRST, auch die Möglichkeit bieten, die
erworbenen Anteile im Rahmen von Angebot und Nachfrage wieder zu veräußern, ist Ihr Kapital zudem nicht zwingend auf
lange Zeit gebunden.

Das Raffinierte an dieser Form der Schwarmfinanzierung ist, dass bis vor Kurzem nur große Anleger die
Möglichkeit hatten, sich als Mezzanine
Kapital
-Geber an Immobilienprojekten
mit lukrativen Zinsen
zu beteiligen. Nur sie konnten die hohen Einstiegsbeträge dafür aufbringen.
Weil nun Crowdinvesting-Plattformen das Geld vieler Anleger bündeln, können nun auch Privatanleger von
dieser Anlageklasse profitieren.

Auf Nummer sicher: InsurTech

Auch beim InsurTech (engl. von
insurance“ und „technology“) handelt es sich um eine Unterform des FinTech.
Unternehmen in dieser Gruppe haben sich auf die Fahnen geschrieben, die Versicherungsbranche zu
modernisieren. In Deutschland steigt die Anzahl der InsurTechs, dabei bieten die jungen Unternehmen Lösungen in
verschiedenen Versicherungsbereichen an.


Übersicht: InsurTech

Contract-Manage­ment / Brokerage

Ein großer Teil der neuen InsurTechs – beispielsweise treefin, Getsafe oder das FinLeap-Venture
Clark – sind im Grunde nichts anderes als klassische Versicherungsmakler, die Kunden die
Verwaltung von Versicherungen erleichtern und Beratungsleistungen anbieten.

Die Nutzer legen ihre vorhandenen Versicherungsverträge in einer App ab und bekommen im Gegenzug
eine Übersicht über die bestehenden Versicherungen.


Peer-to-peer-Insurance

Bei Insurances wie Friendsurance werden die Versicherungs­nehmer in Gruppen zusammengefasst und
ihre Versicherungs­beiträge in einem gemeinsamen Pool gesammelt.


Spot-Insurance

In manchen Situationen benötigen Verbraucher nur eine kurzzeitige Versicherung, zum Beispiel
wenn sie ihren Kinderwagen für zwölf Monate gegen Diebstahl versichern möchten oder einen
24-Stunden-Drittfahrerschutz abschließen wollen. Diesen Bereich umfasst die sogenannte
Spot-Insurance.


Health-Insurance

Die meisten InsurTechs haben sich bisher im Gesundheitsbereich angesiedelt. Sie sammeln die
Gesundheitsdaten, vernetzen sich mit Ärzten und können so kundenzentrierte Versicherungsmodelle
anbieten.

Die Liste der Versicherungsbereiche lässt sich noch beliebig lang erweitern: eCommerce-Insurance, Usage Driven
Insurance, Car Insurance – für jede Lebenssituation, jedes Nutzungsverhalten, jede Risikogruppe gibt es jeweilige
Versicherungsangebote.

Ein Vorteil dieser Branche ist ihre Flexibilität. Kritisiert werden die Online-Unternehmen
jedoch immer wieder von ihren Offline-Pendants. Diese werfen ihnen vor allem mangelnde
Transparenz
vor.

Werden Banken und Versicherungen überflüssig?

Die neuen Formen des FinTech übernehmen viele der Aufgaben, die bislang den traditionellen Banken und ihren
Standortfilialen kampflos überlassen wurden. Nach der Finanzkrise schwand jedoch das Vertrauen in Banken und
Kreditinstitute. Das ist von Vorteil für den neuen digitalen Zweig der Finanzbranche. Die Hemmschwelle für den
Nutzer sinkt zudem, weil Online-Verträge oft nicht einmal eine Unterschrift benötigen und bequem von Zuhause mit ein
paar Klicks abgeschlossen werden.

Es ist jedoch schwierig, seriöse Angebote von leeren Versprechungen oder gar Fälschungsversuchen zu unterscheiden.
Gerade weil die Branche jung ist und sich im Wachstum befindet, ist der Konkurrenzkampf groß – und der ein oder
andere Vorreiter wird wohl ebenso schnell wieder verschwinden, wie er aufgetaucht ist.

Zudem stehen FinTech Unternehmen erst am Anfang: Noch können die etablierten Geldinstitute mit ihrer großen
Stammkundenbasis an ihren Schwächen arbeiten und sich für Privatanleger attraktiver gestalten. Nur dann werden
Banken langfristig mit der wachsenden digitalen Konkurrenz mithalten können.

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