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Crowdlending

Crowdlending: Die Kreditform der Zukunft?

Valeria Nickel, 13.07.2017

Ein Kredit ohne Bank? Lange Zeit war dieses Szenario unvorstellbar. Doch seit einigen Jahren macht es das „Crowdlending“ möglich. Dieser Begriff besteht aus den englischen Wörtern „crowd“ (= Menschenmenge) und „lending“ (= Leihe). Zusammengesetzt bezeichnet er die Kreditvergabe von vielen Privatpersonen an eine andere Privatperson oder an Unternehmen. Dabei werden die potentiellen Kreditgeber und Kreditsuchenden auf speziellen Internetplattformen zusammengebracht.

Der Hintergedanke des Crowdlendings ist, dass Personen und Unternehmen Kredite erhalten, die sonst nur geringe Chancen darauf haben – zumindest, wenn sie bei Banken anfragen würden. Für Mittelständler mit geringerer Bonität ist dies eine wichtige Alternative. Für die „Crowd“, also die Kreditgeber, ergibt sich wiederum eine alternative Geldanlagemöglichkeit mit vergleichsweise hohen Zinsen.

Daten & Fakten zu Crowdlending-Plattformen

Die weltweit erste Crowdlending-Plattform ist „Zopa“ aus Großbritannien. Sie entstand bereits im Jahr 2005. Die größten Marktplätze für Kreditvergabe heute kommen allerdings aus den USA: „Lending Club“ und „Prosper“. In Deutschland existieren laut einer Studie des Bundesfinanzministeriums aus dem Jahr 2016 13 Crowdlending-Portale wie Auxmoney, Scalable Capital, Lendico oder Funding Circle. 10 von ihnen vermitteln Kredite an Unternehmen, 5 an Privatpersonen und eine an Genossenschaften. Bei 3 Plattformen kann man sowohl an Unternehmen als auch Privatpersonen Geld verleihen. Im Jahr 2015 wurden Crowd-Kredite in Höhe von insgesamt 189 Mio € an Privatleute und Unternehmen vermittelt. Das klingt zwar nach viel Geld, doch betrachtet man das gesamte Finanzierungsvolumen in Deutschland – 152 Mrd € pro Jahr –, so scheint dieser Anteil verschwindend gering. Allerdings wächst der Markt von Jahr zu Jahr in einem rasanten Tempo: Das eingesammelte Kreditvolumen hat sich von 2015 auf 2016 mehr als verdoppelt.

Vom Antrag bis zur Auszahlung: ein automatisiertes Verfahren

Genauso wie Banken prüfen auch die Crowdlending-Plattformen die einzelnen Kreditanträge sehr genau. Allerdings gibt es dabei keine Filialen oder Kundenberater, sondern Datenbanken, Algorithmen und Risikomodelle. So wird Bonität des Antragstellers sowie die Summe, Laufzeit und Geschäftszahlen in einem automatisierten Verfahren geprüft. Es folgt die Zuordnung zu einer bestimmten Risikoklasse. Daraus errechnet sich der entsprechende Zinssatz für den Kredit. Schließlich erscheint das Angebot auf der Plattform, wo die potentiellen Kreditnehmer ihre Pläne und ihren Finanzbedarf vorstellen. Anleger, die das Risiko eines Komplettverlusts akzeptieren und sich für das Projekt oder Unternehmen begeistern, können (oft schon mit sehr kleinen Beträgen) in den Kredit investieren. Sobald sich genug Kreditgeber gefunden haben, wird das Geld an die Privatperson oder das Unternehmen ausgezahlt.

Crowd-Kredite – eine wichtige Alternative

Aufgrund der automatisierten Prozesse und der reinen Online-Auftritte der Crowdlending-Portale sind die Kosten bis zur Auszahlung der Kredite niedriger als bei Banken. Für Kreditnehmer ist der Crowdlending-Kredit allerdings nicht billiger, sondern sogar teurer als ein Bankkredit, denn die Plattformen verlangen Gebühren und die Zinssätze für die Anleger sind wegen der Risikoprofile der Kreditnehmer höher als bei Bankkrediten. Allerdings ist das Crowdlending unbürokratischer und schneller. Und es kann starke Kräfte mobilisieren: Der Fußballverein Hertha BSC hat zum Beispiel 1 Mio € von der „Crowd“, vor allem den eigenen Fans, eingesammelt – innerhalb von 9 Minuten und 23 Sekunden. Außerdem beginnen auch Versicherungen, Kreditfonds und Hedgefonds, die Anlageklasse für sich zu entdecken. Es herrschen also gute Aussichten, dass sich diese Kredit-Alternative fest auf dem Finanzmarkt etabliert.

Bild-Copyright: Chief Crow Daria / Shutterstock.com