Nullzinspolitik

Was Anleger über die Zeiten der Nullzinspolitik wissen sollten

Valeria Nickel, 08.06.2020

Am Kapitalmarkt herrscht eine Ausnahmesituation: Im März 2016 senkte die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins in der Eurozone. Seitdem liegt er gänzlich auf null Prozent.

Mit dieser Entscheidung macht Mario Draghi, der Präsident der EZB, Sparer überhaupt nicht glücklich. Sie erhalten dadurch für Bankeinlagen oder Anleihen nahezu keine Zinsen mehr, da ohnehin zu viel Kapital auf dem Finanzmarkt vorhanden ist.

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Ausnahmesituation hoch zwei

Die Niedrigzinspolitik ist aber nur eine Seite der Medaille: die andere ist die derzeit besonders niedrige Inflationsrate.

In den Jahren 2015 und 2016 war die jährliche Inflationsrate nahe Null. Seitdem ist die Inflationsrate zwar leicht angestiegen, die von der EZB angestrebten 2,0 % konnte sie bisher langfristig jedoch nicht wieder erreichen. Es herrscht also eine doppelte Ausnahmesituation.

Inflationsrate gegenüber dem Vorjahr in der Eurozone von 2009 bis 2019

Inflationsrate gegenüber dem Vorjahr in der Eurozone von 2009 bis 2019


Quelle: Statistisches Amt der Europäischen Union (Eurostat) , Stand: Januar 2020

Die Nullzinspolitik der EZB ist nicht da, um Sparer glücklich zu machen

In dieser Lage ist es leider nicht die Aufgabe der EZB, Privathaushalte und Sparer glücklich zu machen. Ihre Aufgabe ist die Geldpolitik. Diese beinhaltet Maßnahmen, welche die Geldversorgung und Kreditvergabe der Banken regeln.

Eines der vorrangigen gesamtwirtschaftlichen Ziele ist dabei die Preisniveaustabilität. Um dieses Ziel zu erreichen, kann die EZB den Preis des Geldes regulieren, indem sie den Leitzins in der Eurozone festlegt.

Der Leitzins, wie ihn die EZB vorgibt, hängt wiederum von der Inflation ab, also der allgemeinen Preissteigerung. Diese nimmt zu, wenn die vorhandene Geldmenge größer ist als das reale Warenangebot. Die Folge sind steigende Preise für Waren. Als Indikator wird meist der Preisindex für die Lebenshaltung, der Verbraucherpreisindex, herangezogen. Steigende Preise beeinflussen den Beschäftigungsstand, die Einkommens- und Vermögensverteilung sowie das wirtschaftliche Wachstum eines Landes.

Folgen der Inflation

Eine leichte Inflation von bis zu fünf Prozent hat eine positive Wirkung, da die Wirtschaftsleistung wächst und mehr Arbeitsplätze entstehen. Die EZB strebt deshalb eine Marke von 2,0 % an.

Bei einer rasanteren Preissteigerung verliert das Geld seinen Wert schneller als die Waren. Das hat sinkende Reallöhne zur Folge. In diesem Fall könnte die EZB den Leitzins so weit anheben, dass sich das Sparen mit Sparkonten und Banksparplänen mehr lohnt als der Konsum. Dementsprechend würde ein Anreiz dazu gesetzt, dass Geld wieder vom Markt verschwindet und die Inflation abflaut.

Das Wunschszenario der EZB tritt nicht ein

Aktuell ist die Inflation jedoch zu niedrig. Die Wirtschaft muss weiterhin angekurbelt werden.

Das gewünschte Szenario der EZB ist, dass durch den Nullzins die Kreditvergaben, die Investitionen, der Konsum und schließlich die Preise steigen. Denn wenn es einen derart kleinen Zins auf Einlagen gibt, dann lohnt es nicht, das Geld zu behalten, sondern nur, es auszugeben.

Ob eine geldpolitische Maßnahme erfolgreich ist, lässt sich im Voraus aber nicht feststellen. Wirkungsverzögerungen und unvollständige Kenntnisse über die genauen Übertragungskanäle geldpolitischer Maßnahmen machen es Notenbanken schwer, ihre Endziele direkt zu steuern.

Bei der Festlegung der Nullzinsen ist viel Wunschdenken im Spiel, denn die EZB kann nur Grundvoraussetzungen schaffen, Menschen und Unternehmen aber nicht zur Kreditaufnahme zwingen.

Genauso wenig kann die EZB die Banken zur Kreditvergabe bewegen. Dies wird vor allem in der derzeitigen Situation deutlich, in der für Banken sogar Negativzinsen (bzw. Strafzinsen) gelten, wenn sie ihr Kapital nicht in Umlauf bringen, sondern bei der EZB „lagern“. Trotzdem reagieren sie nicht so, wie von der EZB gewollt. Damit machten die Banken der EZB von Beginn an einen Strich durch ihre Inflationsprognosen.

Inflationsprognosen und tatsächliche Entwicklung der Inflation

EZB: Inflationsprognosen versus Realität


Quellen:

Inflationsrate Euroraum

,Stand: 22.01.20; Prognosen EZB:

Onvista

, 13.02.14;

Finanzen.net

, 04.12.14;

Reuters

, 03.09.15;

Onvista

, 03.12.15;

Finanzen.net

, 22.01.16;

Handelsblatt

, 27.07.18;

FAZ

, 01.04.19

Die allgemeine Preissteigerung tritt nur zögerlich ein und so hebt die EZB den Zins bisher nicht wieder an. Es ist ein ähnliches Szenario wie in Japan, wo die Preisentwicklung trotz einer extrem expansiven Nullzinspolitik der Notenbank weiterhin schwach bleibt. Zeitweise fiel sie dabei sogar in den negativen Bereich.

Anleger müssen die Inflationsrate im Blick behalten

Inflationsraten scheinen auf den ersten Blick nur ein Problem für Notenbanken wie die EZB zu sein. Das ist jedoch ein Trugschluss. Auch für Sparer sind sie von überragender Bedeutung, denn sie beeinflussen den Nominalzins-Realzins-Unterschied.

Als Nominalzins wird der Prozentsatz bezeichnet, mit dem ein Guthaben jährlich verzinst wird. Er sorgt zwar für die Wertentwicklung des angelegten Kapitals, sagt aber nichts über den tatsächlichen Gewinn aus. Denn von seinem Nominalzins muss man als Sparer immer die Inflationsrate abziehen, um den Realzins zu erhalten. Dieser zeigt, was eine Anlage nach einer langen Laufzeit wirklich wert ist.

Nominalzins – Inflationsrate = Realzins

Meist steigt während der Laufzeit einer Anleihe die Inflationsrate. Das bedeutet: Die Kaufkraft des Kapitals wird um genau diesen Prozentsatz geschwächt.

Beispiel Realzins

Wer 10.000 € bei 3,0 % Zinsen über 10 Jahre anlegt, erhält zwar nominell einen Gewinn im Wert von 3.000 € (ohne Berücksichtigung des Zinseszinseffekts).

Wenn aber gleichzeitig die Inflationsrate bei beispielsweise 2,0 % liegt, kann sich der Anleger von dem Gewinn nur Produkte im Wert von 1.000 € statt 3.000 € kaufen. Er muss vom Nominalzins (3,0 %) die Inflationsrate (2,0 %) abziehen: Übrig bleibt nur noch 1,0 % Rendite.

Beachten Sie als Investor deshalb immer den Nominalzins-Realzins-Unterschied. Ihre Kapitalanlage sollte zumindest die Inflationsrate wieder ausgleichen. Sonst erhalten Sie trotz positiver Zinssätze keine Rendite.

Warum wird eine Deflation verhindert?

Auf den ersten Blick scheint die zurzeit bestehende niedrige Inflationsrate für Sparer vorteilhaft, da ihr Nominalzins nicht geschmälert wird. Fraglich ist sogar, ob womöglich nicht eine Deflation gut für sie wäre?

Dies ist allerdings mit Blick auf die Gesamtwirtschaft nicht der Fall. Bei einer Deflation wissen die Konsumenten, dass der Preis von Tag zu Tag sinkt. Deshalb kaufen sie Waren lieber nicht heute, sondern morgen. So geht der Konsum stetig zurück. Für Unternehmen lohnen sich keine Investitionen mehr und die Produktion stagniert. Das Bruttosozialprodukt schrumpft und die gesamte Volkswirtschaft ist gefangen in einer Abwärtsspirale.

Deshalb ist eine Deflation nie positiv zu werten. Die Wirtschaft droht durch Deflation zusammenzubrechen, in der Folge gehen Arbeitsplätze verloren und der allgemeine Lebensstandard sinkt.

Für Sparer bleibt deshalb nur zu hoffen, dass sich das Wunschszenario der EZB erfüllt und die Kreditnachfrage in der Eurozone und somit auch die Inflation weiter steigt, damit Draghi seine Niedrigzinspolitik ändert.

Bildcopyright: Yulia Grigoryeva / Shutterstock.com

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