Nullzinspolitik

Was Anleger über die Zeiten der Nullzinspolitik wissen sollten

Valeria Nickel, 16.04.2018

Am Kapitalmarkt herrscht eine Ausnahmesituation: Im März 2016 senkte die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins in der Eurozone. Seitdem liegt er gänzlich auf 0 Prozent. Mit dieser Entscheidung macht Mario Draghi, der Präsident der EZB, Sparer überhaupt nicht glücklich. Sie erhalten dadurch für Bankeinlagen oder Anleihen nahezu keine Zinsen mehr, da ohnehin zu viel Kapital auf dem Finanzmarkt vorhanden ist.

Ausnahmesituation hoch Zwei

Die Niedrigzinspolitik ist aber nur eine Seite der Medaille: die andere ist die derzeit besonders niedrige Inflationsrate. Im Jahr 2015 kam es zu einer Null-Prozent-Inflation. Seitdem ist die Inflationsrate zwar leicht angestiegen, die von der EZB angestrebten 2 % konnte sie bisher langfristig nicht wieder erreichen. Es herrscht also eine doppelte Ausnahmesituation.

Eine Ausnahmesituation: die Nullzinspolitik der EZB

Quelle:
Statista

Die Nullzinspolitik der EZB ist nicht da, um Sparer glücklich zu machen

In dieser Lage ist es leider nicht die Aufgabe der EZB, Privathaushalte und Sparer glücklich zu machen. Ihre Aufgabe ist die Geldpolitik. Diese beinhaltet Maßnahmen, die die Geldversorgung und Kreditvergabe der Banken regeln. Eines der vorrangigen gesamtwirtschaftlichen Ziele ist dabei die Preisniveaustabilität. Um dieses Ziel zu erreichen, kann die EZB den Preis des Geldes regulieren, indem sie den Leitzins in der Eurozone festlegt.

Der Leitzins, wie ihn die EZB vorgibt, hängt wiederum von der Inflation ab, also der allgemeinen Preissteigerung. Diese nimmt zu, wenn die vorhandene Geldmenge größer ist als das reale Warenangebot. Die Folge sind steigende Preise für Waren. Als Indikator wird meist der Preisindex für die Lebenshaltung, der Verbraucherpreisindex, herangezogen. Steigende Preise beeinflussen den Beschäftigungsstand, die Einkommens- und Vermögensverteilung sowie das wirtschaftliche Wachstum eines Landes.

Eine leichte Inflation von bis zu fünf Prozent hat eine positive Wirkung, da die Wirtschaftsleistung wächst und mehr Arbeitsplätze entstehen. Die EZB strebt deshalb eine Marke von 2 % an. Bei einer rasanteren Preissteigerung verliert das Geld seinen Wert schneller als die Waren. Das hat sinkende Reallöhne zur Folge. In diesem Fall könnte die EZB den Leitzins so weit anheben, dass sich das Sparen mehr lohnt als der Konsum. Dementsprechend würde ein Anreiz dazu gesetzt, dass Geld wieder vom Markt verschwindet und die Inflation abflaut.

Das Wunschszenario der EZB tritt nicht ein

Aktuell ist die Inflation jedoch zu niedrig. Die Wirtschaft muss angekurbelt werden. Das gewünschte Szenario der EZB ist, dass durch den Nullzins die Kreditvergaben, die Investitionen, der Konsum und schließlich die Preise steigen. Denn wenn es einen derart kleinen Zins auf Einlagen gibt, dann lohnt es nicht, das Geld zu behalten, sondern nur, es auszugeben.

Ob eine geldpolitische Maßnahme erfolgreich ist, lässt sich im Voraus aber nicht feststellen. Wirkungsverzögerungen und unvollständige Kenntnisse über die genauen Übertragungskanäle geldpolitischer Maßnahmen machen es Notenbanken schwer, ihre Endziele direkt zu steuern.

Bei der Festlegung der Nullzinsen ist viel Wunschdenken im Spiel, denn die EZB kann nur Grundvoraussetzungen schaffen, aber Menschen und Unternehmen nicht zur Kreditaufnahme zwingen. Genauso wenig kann die EZB die Banken zur Kreditvergabe bewegen. Dies wird vor allem in der derzeitigen Situation deutlich, in der für Banken sogar Negativzinsen (bzw. Strafzinsen) gelten, wenn sie ihr Kapital nicht in Umlauf bringen, sondern bei der EZB „lagern”. Trotzdem reagieren sie nicht so, wie von der EZB gewollt. Damit machten die Banken der EZB einen Strich durch ihre Inflationsprognosen:

Tatsächliche Inflation

Quellen:

EZB
,
OnVista
vom 13.02.2014,
Finanzen.net
vom 04.12.2014,
Statista,
Reuters
vom 03.09.2015,
OnVista
vom 03.12.2015,
Finanzen.net
vom 22.01.2016

Die allgemeine Preissteigerung tritt nur zögerlich ein, und so hebt die EZB den Zins nicht wieder an. Es ist ein ähnliches Szenario wie in Japan, wo die Preisentwicklung trotz einer extrem expansiven Nullzinspolitik der Notenbank weiterhin schwach bleibt. In den Jahren 2009 bis 2013 sowie 2016 fiel sie dabei sogar in den negativen Bereich.

Anleger müssen die Inflationsraten im Blick behalten

Inflationsraten scheinen auf den ersten Blick nur ein Problem für Notenbanken wie die EZB zu sein. Das ist jedoch ein Trugschluss. Auch für Sparer sind sie von überragender Bedeutung. Denn sie beeinflussen den Nominalzins-Realzins-Unterschied.

Als Nominalzins wird der Prozentsatz bezeichnet, mit dem ein Guthaben jährlich verzinst wird. Er sorgt zwar für die Wertentwicklung des angelegten Kapitals, sagt aber nichts über den tatsächlichen Gewinn aus. Denn von seinem Nominalzins muss man als Sparer immer die Inflationsrate abziehen, um den Realzins zu erhalten. Dieser zeigt, was eine Anlage nach einer langen Laufzeit wirklich wert ist.

Nominalzins – Inflationsrate = Realzins

Meist steigt während der Laufzeit einer Anleihe die Inflationsrate. Das bedeutet: Die Kaufkraft des Kapitals wird um genau diesen Prozentsatz geschwächt.

Beispiel: Wer 10.000 € bei 3 % Zinsen für 10 Jahre anlegt, erhält zwar nominell einen Gewinn von 3.000 € (ohne Berücksichtigung des Zinseszinseffekts). Wenn aber gleichzeitig die Inflationsrate beispielsweise bei 2 % liegt, kann sich der Anleger von dem Gewinn nur Produkte im Wert von 1.000 € statt zuvor 3.000 € kaufen. Er muss vom Nominalzins von 3 % also die Inflationsrate in Höhe von 2 % abziehen: Übrig bleibt nur noch 1 % Rendite.

Beachten Sie als Investor deshalb immer den Nominalzins-Realzins-Unterschied. Ihre Kapitalanlage sollte zumindest die Inflationsrate wieder ausgleichen. Sonst erhalten Sie trotz positiver Zinssätze keine Rendite.

Auf den ersten Blick scheint die zurzeit bestehende niedrige Inflationsrate für Sparer vorteilhaft, da ihr Nominalzins nicht geschmälert wird. Fraglich ist sogar, ob womöglich nicht eine Deflation gut für sie wäre. Dies ist allerdings mit Blick auf die Gesamtwirtschaft nicht der Fall. Bei einer Deflation wissen die Konsumenten, dass der Preis von Tag zu Tag sinkt. Deshalb kaufen sie Waren lieber nicht heute, sondern morgen. Dadurch geht der Konsum zurück. Für Unternehmen lohnen sich keine Investitionen mehr und die Produktion stagniert. Das Bruttosozialprodukt schrumpft und die gesamte Volkswirtschaft ist gefangen in einer Abwärtsspirale.

Deshalb ist eine Deflation nie positiv zu werten, da die Wirtschaft dadurch zusammenbricht, folglich Arbeitsplätze verloren gehen und der allgemeine Lebensstandard sinkt.

Außerdem würden die Zinsen für Spareinlagen bei einer höheren Inflation wiederum steigen, sodass sich der Nominal-/Realzins-Unterschied nicht verändern würde. Für Sparer bleibt deshalb nur zu hoffen, dass sich das Wunschszenario der EZB erfüllt und die Kreditnachfrage in der Eurozone und somit auch die Inflation weiter steigt, damit Draghi seine Niedrigzinspolitik ändert.

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