Negativzinsen

Ab wann zahlen Verbraucher Negativzinsen?

Ralf Kretzschmar, 06.12.2019

Im November 2019 kam es zum Tabubruch im deutschen Bankenwesen: Die Volksbank Fürstenfeldbruck erhob als erste Bank negative Zinsen ab dem ersten Cent Guthaben für Neukunden. Bisher hatten Banken nur Einlagen von über 100.000 € belastet. Die Volksbank sendete damit ein eindeutiges Signal: Sie verzichtet auf neue Kunden, da sie keine Gewinnchancen mit deren Kapital erkennt. Es ist wahrscheinlich, dass weitere Banken dem Beispiel der Volksbank folgen und ebenfalls Negativzinsen einführen werden.

Erfahren Sie hier, warum es derzeit zu Negativzinsen kommt, wo Verbraucher diese zahlen müssen und wie Sie diese umgehen können.

Was sind Negativzinsen?

Wenn eine Bank negative Zinsen festlegt, erhalten Bankkunden kein Geld für ihre Einlagen, sondern müssen selbst Zinsen bezahlen. In der Umgangssprache werden diese negativen Zinsen auch Strafzinsen genannt.

Es handelt sich um eine Ausnahmesituation, die nur bei besonderen Rahmenbedingungen eintritt. Entweder wollen Notenbanken mit den niedrigen Zinsen dafür sorgen, dass ausländische Investoren ihr Kapital abziehen oder die Zentralbanken möchten mit diesem Mittel die Konjunktur beleben.

Warum kommt es derzeit zu Negativzinsen?

Für die aktuellen Negativzinsen in Europa ist hauptsächlich die Europäische Zentralbank (EZB) verantwortlich. Deren Aufgabe ist es, für ein stabiles Preisniveau im Euroraum zu sorgen. Deswegen schreibt die EZB eine jährliche Teuerungsrate bzw. Inflationsrate von 2 % vor.

Warum möchten Sie Geld anlegen?

Die EZB möchte außerdem die europäische Konjunktur stärken. Mit einem niedrigen Leitzins der EZB können Banken günstige Kredite anbieten. Damit sollen Investitionen von Unternehmen und der Konsum von Verbrauchern günstiger sowie attraktiver und Ausgaben letztendlich gesteigert werden.

Sowohl Inflationsrate als auch Konjunkturdaten sind nach Vorstellungen der EZB seit einigen Jahren aber dennoch zu gering. Deswegen senkte die EZB im März 2016 den Leitzins auf ein Rekordtief von 0,00 %. Sogar noch niedriger als der Leitzins liegt der sogenannte Einlagezins. Es handelt sich um den Zins, den die Geschäftsbanken zahlen müssen, um bei der EZB kurzfristig Geld anzulegen. Dieser liegt seit Juni 2014 im Minusbereich und beträgt mittlerweile -0,5 % (Stand: November 2019).

Entwicklung von EZB-Leitzins und Einlagezins (2006-2019)

Grafik Leitzins Einlagezins 2006-2019


Quelle: bundesbank.de , Stand: November 2019

Darum müssen Verbraucher Strafzinsen zahlen

In der Regel zahlen Banken den Verbrauchern für ihr angelegtes Geld Zinsen. Dies wird dadurch möglich, dass sie das angelegte Geld zu einem höheren Zins als Kredit weiterverleihen. Der Nullzins und die negativen Zinsen der EZB machen dieses Geschäftsmodell jedoch zunichte, da Kredite wegen ihm sehr günstig sind.

Die Kosten für negative Zinsen, so argumentieren die Geschäftsbanken, müssen an die Privatkunden weitergereicht werden. Dies ist zum einen durch Kontoführungsgebühren oder eben auch durch Negativzinsen, die von den Banken als Verwahrentgelt berzeichnet werden.

In der Folge der EZB-Nullzinspolitik sanken in vielen europäischen Staaten auch die Zinsen für Staatsanleihen. Die Rendite für deutsche Staatsanleihen lag deswegen in den letzten 10 Jahren immer wieder im negativen Bereich. Im Sommer 2019 sind sogar die Zinsen für 30-jährigen Bundesanleihen erstmals in der deutschen Geschichte unter null Prozent gefallen.

Freibetrag sinkt: Ab wann müssen Verbraucher Negativzinsen zahlen?

Deutschlandweit erheben mittlerweile laut dem Verbraucherportal Biallo etwa 50 Banken im Privatkundenbereich und etwa 150 Banken im Geschäftskundenbereich Strafzinsen. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Sparkassen, Volksbanken und Raiffeisenbanken (Stand: November 2019). Die Negativzinsen betragen zwischen -0,2 % und -0,6 % und werden bei diesen Instituten in der Regel für Neukunden und erst ab einem Freibetrag von 100.000 € erhoben.

Die Entwicklung ist derzeit sehr dynamisch. Als erste Bank hat die Volksbank Magdeburg im November 2019 den Freibetrag von 100.000 € unterboten. Im gleichen Monat wurde bekannt, dass mit der Volksbank Fürstenfeldbruck die erste Bank negative Zinsen ab dem ersten Cent auf Tagesgeld erhebt. Bei Girokonten gewährt die Volksbank einen Freibetrag von 20.000 €.

Bei überregionalen Universalbanken wie der Deutschen Bank und der Commerzbank sind Negativzinsen für kleinere Privatkunden immer noch ein Tabu – der Imageschaden wäre wohl zu groß. Bei Sparern mit weniger Guthaben werden die großen Banken wohl auch in Zukunft weiter die Kontoführungsgebühren für Girokonten erhöhen, statt Negativzinsen zu erheben.

Wohlhabende Privatkunden mit einem Guthaben von weit über einer Million Euro hingegen haben die Kreditinstitute aber schon seit geraumer Zeit kontaktiert und gesonderte Vereinbarungen getroffen. Die Banken versuchen vor allem, die Kunden von alternativen Anlagemöglichkeiten zu überzeugen.

Wie lange noch wird es Negativzinsen geben?

Eine Zinswende ist derzeit noch nicht in Sicht. Mit der Ernennung von Christine Lagarde zur neuen Präsidentin der EZB am 1. November 2019 ist ein Kurswechsel der EZB weiterhin unwahrscheinlich. Zwar versucht sich Lagarde als Pragmatikerin zwischen den „Falken“, die eine strikte Geldpolitik fordern, und den „Tauben“, die eine weitere Zinssenkung befürworten, zu positionieren. Es gilt jedoch als sicher, dass Lagarde bis auf Weiteres an der Niedrigzinspolitik der EZB festhalten wird.

Die Zentralbank argumentiert weiterhin, dass sie mit den negativen Zinsen vor allem die schleppende Konjunktur beleben möchte. Diese sei vor allem durch internationale Krisen wie dem Handelskonflikt zwischen den USA und China ins Trudeln geraten.

Können Negativzinsen verboten werden?

Der Ministerpräsident von Bayern, Markus Söder, hat ein gesetzliches Verbot von Negativzinsen vorgeschlagen. Eine Umsetzung des Verbots ist aber unwahrscheinlich. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages räumt vor allem aufgrund der im Grundgesetz festgeschriebenen Vertragsfreiheit nur eine geringe Wahrscheinlichkeit für ein gesetzliches Verbot ein.

Auch das Finanzministerium hat bekanntgegeben, dass es ein gesetzliches Verbot mit Blick auf Negativzinsen nicht anstrebt. Kritiker der Negativzinsen hoffen deswegen weiterhin auf eine Zinswende der EZB.

Welche gesetzlichen Regelungen gibt es?

Zwar steht ein vollkommenes Verbot von Negativzinsen nicht in Aussicht, dennoch wurde die Erhebung von Negativzinsen bei Privatkunden mittlerweile durch mehrere Gerichtsurteile reguliert.

So hat das Landgericht Tübingen in einem Urteil aus dem Mai 2018 eine Erhebung von Negativzinsen auf bereits kostenpflichtige Girokonten für unzulässig erklärt. Als Begründung führte das Gericht an, dass auf diese Weise ein und dieselbe Leistung doppelt bepreist werde. Bei Tages- und Festgeldkonten ist diese doppelte Belastung hingegen prinzipiell möglich.

Ein weiteres Urteil hatte das Landgericht Tübingen bereits im Januar 2018 gefällt. Demnach dürfen bei alten Verträgen nicht nachträglich Minuszinsen verlangt werden. Die Möglichkeit, Negativzinsen zu erheben, muss stattdessen in einer vertraglichen Vereinbarung zwischen Privatkunde und Bank vorab festgeschrieben werden. Das Gericht gab damit einer Klage der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg statt.

Juristisch sind Fragen rund um Negativzinsen für Verbraucher noch umstritten, da noch keine Urteile in einer höheren Instanz als einem Landgericht gefällt wurden.

Deshalb sind Sparer besonders von den Negativzinsen betroffen

Der Nullzins trifft Sparer besonders, denn klassische Geldanlagen wie Sparbuch oder Tagesgeld werfen kaum noch Zinsen ab. Bei beiden Anlageformen liegen die Zinsen derzeit in der Regel unter 0,5 %.

Die Inflationsrate lag im Jahr 2018 hingegen bei 1,7 %. Der sogenannte Realzins, der die Inflationsrate einbezieht, ist somit bei diesen Anlagen durchweg negativ. Das bedeutet, dass Sparer in den letzten Jahren mit diesen Geldanlagen de facto Geld verloren haben.

Entwicklung des Realzins (2015-2018)

Tagesgeld Inflation 2015-2018

* durchschnittlicher Tagesgeldzins bis zu 5.000 €; Quelle: destatis.de und tagesgeldvergleich.net , Stand: November 2019

Zudem häufen sich die Nachrichten von Sparkassen, die bereits länger laufende Sparverträge mit Privatanlegern/Privatkunden kündigen. Im September 2019 hat etwa die Sparkasse München insgesamt 28.000 Sparverträge gekündigt und hierbei auf die Kosten durch die Negativzinsen der EZB verwiesen.

In Zeiten von Negativzinsen ist es für Sparer deswegen ratsam, nicht zu viel Geld auf einem Tagesgeldkonto zu lagern. Als Faustregel werden für Verbraucher nicht mehr als etwa drei Monatsgehälter als sogenannter „Notgroschen“ auf einem Tagesgeldkonto empfohlen.

Renditestarke Alterna­tiven zu Sparprodukten

Generell sollten Sparer flexibel sein und, falls Negativzinsen in Aussicht gestellt werden, das Geldhaus wechseln. Allerdings wird sich auch dort mit einem Tagesgeldkonto ein negativer Realzins nicht umgehen lassen.

Eine etwas höhere Rendite bietet noch eine Termingeldanlage wie das Festgeld, wobei das angelegte Kapital für einen längeren, festgelegten Zeitraum nicht verfügbar ist. Doch auch mit Festgeld lässt sich die Inflationsrate derzeit im besten Fall nur ausgleichen.

Aktien

Wer negative Realzinsen meiden möchte, muss sich deshalb nach risikoreichen und renditestarken Anlagen umblicken. Der Klassiker für eine Anlage mit hoher Rendite sind dabei Aktien. Da diese allerdings hohen Wertschwankungen unterliegen, zeigen sich deutsche Anleger weiterhin sehr skeptisch gegenüber dieser Anlageform.

Um das Risiko zu streuen bieten sich sogenannte Aktienindexfonds bzw. ETFs an. Dabei handelt es sich um börsennotierte Fonds, die einen bestimmten Aktienindex nachbilden, wie beispielsweise den Deutschen Aktienindex (DAX). Die Verwaltungskosten von ETFs sind zudem verhältnismäßig gering.

Immobilien-Crowdinvesting

Eine neue Investitionsform stellt das Immobilien-Crowdinvesting dar. Dabei schließt sich eine große Gruppe von Kleinanlegern über eine Online-Plattform zusammen, um gemeinsam in Immobilienprojekte zu investieren.

Auch hier kann das Risiko gestreut werden, indem die Anleger in verschiedene Objekte investieren. Die Risikostreuung gestaltet sich bei BERGFÜRST aufgrund des geringen Mindestanlagevolumens von 10 € besonders einfach.

Im Gegensatz zu einem Investment in Aktien erhalten Anleger bei BERGFÜRST einen festen Zinssatz von 5,0 % bis 7,5 %, der halbjährlich ausgezahlt wird. Außerdem fallen für Anleger keine Verwaltungsgebühren für das Investment an. Die Laufzeiten betragen je nach Immobilienprojekt zwischen einem und fünf Jahren. Das Immobilien-Crowdinvesting stellt somit eine attraktive Alternative dar, mit einer mittleren Risikobereitschaft den Negativzinsen zu entgehen.

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