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Deutsches Crowdinvesting: Innovation statt Klon?

Alexander Katz 24.07.2012, 09:21

Im Vergleich zu jungen amerikanischen Crowdinvesting-Unternehmen sind deutsche Plattformen in vielen Punkten im Vorteil.

Kurz nach Gründung von BERGFÜRST habe ich als erster Mitarbeiter im Bereich „Corporate Finance“ begonnen. Zu einem meiner wichtigsten Tätigkeitsfelder zählt die Analyse des Marktes für junge Wachstumsunternehmen, vor allen Dingen, um interessante Kandidaten für eine Finanzierung über unsere Plattform zu identifizieren. In diesem Zusammenhang treffe ich viele Vertreter von Firmen. Immer wieder werde ich hierbei mit einem Thema konfrontiert: Wirkliche Innovationen im Start-Up-Bereich kämen nur aus den USA, in Deutschland werde ja eh nur kopiert.

Ich möchte jetzt nicht in die Copycat-Diskussion einsteigen. Was mir in diesem Kontext allerdings klar wurde, ist, dass im Crowdinvesting-Startup-Bereich die USA einmal nicht die Nase vorn haben. Warum nicht? Wegen der gesetzlichen Rahmenbedingungen, die in Deutschland für unsere Branche wesentlich besser sind.

Was Startups betrifft, wurden in den USA im Zuge von Bilanzierungsskandalen (Enron, Worldcom) sowie als Reaktion auf die Finanzkrise und den Lehman-Kollaps von 2008 regulatorische Hürden eingeführt, welche im Kern stringentere Prüfungen der internen Controlling- und Reporting-Strukturen von öffentlich gelisteten Unternehmen vorsehen und überproportional hohe Compliance-Kosten verursachen (siehe Sarbanes-Oxley-Act von 2002). Für Investoren gibt es in den USA die Vorschrift, dass nur akkreditierte Investoren in bestimmte Anlageklassen und Vermögenswerte investieren dürfen, wozu auch das Crowdinvesting für junge Unternehmen zählt. Im Securities Act von 1933, kurz nach dem Börsencrash von 1929 und der darauffolgenden Großen Depression, wurde festgelegt, dass akkreditierte Investoren u.a. folgende Anforderungen zu erfüllen haben:

  • Sie müssen Geschäftsführer, Vorstand oder Partner des emittierenden Unternehmens sein
  • Als Privatperson müssen sie über ein Nettovermögen von mehr als $ 1 Mio verfügen
  • Oder ein Individualeinkommen von mehr als $ 200.000 p.a., bzw. ein Gesamt-Ehepaareinkommen von mehr als $ 300.000 p.a.


Wie wirken sich diese Rahmenbedingungen auf die Finanzierung junger Wachstumsunternehmen aus?

Ganz einfach: Die Möglichkeit, über einen öffentlichen Markt an Kapital zu kommen, sind massiv erschwert und mit erheblichen Kosten verbunden. Zum anderen führt die Regelung bezüglich akkreditierter Investoren zu einer viel zu kleinen Investorenbasis für ein erfolgreiches Crowdfinvesting für Unternehmen. Die Möglichkeit des Crowdinvestings wird durch diese Regelung einer Elite vorbehalten. Die negativen ökonomischen Effekte dieser Massnahmen lässt sich auch an harten Fakten ablesen: Zwischen 2001 und 2011 sind 80 % weniger kleine Unternehmen an die Börse gegangen als noch in den beiden Dekaden zuvor.

Als Antwort auf diese Entwicklung hat die Obama-Administration Ende März diesen Jahres den sogenannten JOBS-Act („Jump Start Our Business Start-ups“) beschlossen und beschreitet damit einen ersten Schritt weg von einer „one-size-fits-all“-Regulierung. Diese beinhaltet im Kern, dass junge Unternehmen von einigen Controlling- und Reporting-bezogenen Regeln des Sarbanes-Oxley-Act befreit werden. Außerdem erhalten nicht akkreditierte Investoren begrenzten Zugang zum Crowdinvesting-Markt. Allerdings: Crowdinvesting bleibt in den USA hinsichtlich des Finanzierungsvolumens von Unternehmen stark limitiert, nämlich auf $ 1 Mio. pro Jahr. Der Handel in diesen Werten ist nicht akkreditierten Investoren erst ab dem 2. Jahr nach der Finanzierung erlaubt.

In Deutschland sind die Rahmenbedingungen für Crowdinvesting deutlich besser. Erstens gibt es keine Diskriminierungen von Investoren, sich im Crowdinvesting zu engagieren: Jeder darf mitmachen! Zweitens sind die Rechnungslegungs- und Bilanzierungsvorschriften für öffentlich gelistete Unternehmen nicht im Ansatz mit so viel Aufwand verbunden wie in den USA. Natürlich soll das nicht bedeuten, dass der deutsche Markt für Hochrisikokapitalfinanzierung über das Internet nicht sonderlich reguliert sei. Im Vergleich zu den USA setzt der Deutsche Gesetzgeber aber die regulatorischen Hürden primär bei dem Plattformbetreiber an, nicht bei den Investoren. So muss eine Plattform wie BERGFÜRST eine BaFin-Lizenz haben, um ein öffentliches Angebot von Eigenkapital in hinreichender Höhe (2-5 Millionen Euro) für junge Wachstumsunternehmen  anzubieten. Die rechtliche Grundlagen für die Regulierung der Plattformbetreiber sind durch das Kreditwesengesetz (KWG) und das Wertpapierhandelsgesetz (WpHG) gegeben. Die Anforderungen reichen von Eigenmittel- und Liquiditätsanforderungen, über Risikomanagement bis hin zu Verhaltenspflichten. Alles zum Zweck des Anlegerschutzes.


Aus dieser Analyse ergeben sich wichtige Erkenntnisse:

Durch den günstigeren regulatorischen Rahmen können wir in Deutschland mit BERGFÜRST ein innovatives Geschäftskonzept umsetzten, dass den Bedürfnissen von Investoren und Emittenten mit Eigenkapitalplatzierung in unbegrenzter Höhe, mit einem Sekundärmarkt zum freien und sofortigen Handel von Aktien und einer Anlegerverwaltung zur umfassenden Information voll gerecht wird.

Freiheit bedeutet auch Verantwortung! Investoren müssen viel genauer prüfen, welchen Plattformen und welchen Angeboten sie ihr Vertrauen schenken. Bei regulierten Plattformen wird die Gefahr von schwarzen Schafen deutlich reduziert.

Wir haben die Chance, alle private Investoren in die so wichtige Unternehmensfinanzierung mit einzubinden. Diese Einsicht hat sich in den USA zwar mittlerweile durchgesetzt, doch den zeitlichen Vorsprung hat auf jeden Fall Deutschland. Wurde ja auch mal Zeit…

Alexander Katz ist Corporate Finance Analyst.

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