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Deutschland braucht einen Neuen Markt 2.0

Dr. Guido Sandler 21.05.2014, 11:52


13 Jahre nach dem Debakel am Neuen Markt ist die Zeit reif für einen Neustart. Sonst setzt Deutschland seine Innovationskraft aufs Spiel.

Lesen Sie hierzu einen Gastkommentar von unserem CEO Guido Sandler auf capital.de

In Relation zur deutschen Volkswirtschaft ist der hiesige IPO Markt nicht existent. Hierzu eine Zahl, die das drastisch veranschaulicht: Im Jahr 2013 gab es weltweit 864 Börsengänge davon fanden nur sechs in Deutschland statt. Dies in einem Land, das eine volkswirtschaftliche Führungsposition beansprucht. Es ist kaum zu glauben. Wer weiterhin wirtschaftliches Wachstum wünscht, der muss sich für einen Neuen Markt 2.0. einsetzen. Zu einem intakten Wirtschaftssystem mit einer starken Position auf den Weltmärkten müssen wir uns in Deutschland wieder auf die Börsengänge junger Wachstumsunternehmen konzentrieren.

Diese – eigentlich deutsche - Unternehmertugend haben wir in dem letzten Jahrzehnt aus den Augen verloren. Anstatt aus Fehlern zu lernen und gestärkt voranzuschreiten, sind wir ängstlich und zögerlich geworden. Kein fruchtbarer Nährboden für innovative Unternehmer! Wer in Deutschland mit neuen Ideen und Visionen durchstarten will, braucht einen besonders langen Atem und gute Anwälte. Und er braucht: Geld. Der Neue Markt 2.0. darf keine Kopie, sondern muss eine Konsequenz sein. Vernünftige Regulierung ist hier das Stichwort.

Fehlender IPO-Markt beeinträchtigt Innovationskraft

Guido Sandler

Der fehlende IPO Markt in Deutschland ist die Katze, die sich in den Schwanz beißt. Ohne Innovationskraft kann eine Volkswirtschaft sich nicht dauerhaft behaupten. Aber ohne Kapital entsteht auch keine Innovationskraft. Es fehlt die entscheidende Zugfeder, die Dynamik und Schwung in das Wirtschaftssystem bringt. Eine gute Idee entsteht vor allem dann, wenn vorstellbar wird, dass sie auch umgesetzt werden kann. In Deutschland kastrieren wir den Kater schon, bevor er geboren ist. Unternehmerische Erfolgsgeschichten mit hohem Innovationspotential wie Google, Apple oder Microsoft sind ohne funktionierende Börsen für die Eigenkapitalversorgung undenkbar. Das haben wir in Deutschland vor 100 Jahren auch schon gewusst und gekonnt – die deutsche Wirtschaft zehrt noch heute davon.

Junge Wachstumsunternehmen mit neuen Technologien wie Siemens oder Babcock Borsig konnten ihre innovativen Unternehmenskonzepte über die Börse mit Eigenkapital finanzieren. Derzeit leisten wir uns in Deutschland den Luxus, auf einen funktionierenden IPO Markt zu verzichten. Ein großer strategischer Fehler im internationalen Wettbewerb. Damit leben wir aus der Substanz. Das ist kein nachhaltiges Konzept. Schon gar kein zukunftsorientiertes.

Exit-Risiko für Investoren verhindert Innovationen

Risikokapitalgeber sind in ihrem Geschäft mit zwei Hauptrisiken konfrontiert. Zum einen das unternehmensimmanente Risiko, ob sich das Unternehmen wunschgemäß entwickelt. Mit diesem Risiko können Venture Capital-Geber gut umgehen. Das ist ihr Beruf, das haben sie gelernt. Mit dem zweiten Hauptrisiko sieht es dagegen ganz anders aus: Dem Exit-Risiko. Ob und wann eine Beteiligung verkauft werden kann, ist kaum kalkulierbar. Ein funktionierender IPO-Markt hingegen würde hier Abhilfe schaffen, da er einen standardisierten Exit für Risikokapitalgeber eröffnet. Damit könnte das unkalkulierbare Exit-Risiko auf ein Mindestmaß reduziert werden. Da es in Deutschland keinen funktionierenden IPO-Markt gibt, bleiben deutsche Unternehmen in der Wachstumsphase für VC-Kapital vor allem eines: unattraktiv. Die Klage über unzureichendes VC-Kapital ist bekannt und leider auch berechtigt. Fazit: Durch den Verzicht auf einen IPO-Markt in Deutschland berauben wir uns eines wesentlichen Instruments zur wirtschaftlichen Innovationsförderung. Das ist sträflich, denn Innovationen machen nicht nur Spaß, sondern haben essentielle Bedeutung für den Standort Deutschland!

Voraussetzungen für den Neuen Markt 2.0

Aktuell setzt sich die Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), dankenswerter Weise für die Einführung des neuen Börsensegments Markt 2.0 ein. Allerdings: Ein neuer Name allein wird die Ängste der Investoren vor einem erneuten Desaster nicht zerstreuen. Das neue Segment muss mit einem klaren Regelwerk zum Anlegerschutz an den Start gehen. Die Wirtschaftswoche bringt es eindringlich auf den Punkt:
„Je schlechter so ein neues Segment vorbereitet wäre und je laxer seine Regeln wären, umso größer das Risiko, dass hier nur eine Aktien-Vermarktungsmaschine entsteht, die Gründern, Finanziers und Großaktionären vor allem eines bietet: Den schnellen Ausstieg aus Unternehmen – zu Lasten der Anleger. Frankfurt hat nur einen Schuss frei. Floppt der erste Börsengang, wird das ganze Segment vor die Wand fahren.“
Damit Good Practice und Corporate Governance nicht versagen, muss der schnelle Ausstieg von Management und Altgesellschaftern zwingend verhindert werden.

1. Harter Lock up für das Management:

Feste Haltevereinbarung müssen her. Sie bedeuten für das Managementteam, dass sie erst Aktien verkaufen können, wenn sie den im Rahmen des öffentlichen Angebots vorgelegten Business Plan auch tatsächlich umgesetzt haben. Diese Regel würde nicht nur zu realistischeren Planungen führen, sondern auch Vertrauen beim Anleger schaffen.

2. Gestaffelter Lock up für Altgesellschafter und Aufsichtsrat:

Die gestaffelte Haltevereinbarung für Altgesellschafter und Aufsichtsräte hätte zur Folge, dass diese ein hohes Interesse an der zweckgebundenen Mittelverwendung aus der Emission haben. Salopp gesagt: Es würde sich jemand um die Kasse kümmern. Das wäre ganz im zentralen Interesse der neu hinzutretenden Anleger. Missbrauch mit Anlegergeld, wie im Neuen Markt 1.0 geschehen, muss ausgeschlossen werden. Zu diesen Zeiten waren Lear Jets europaweit ausverkauft, auch wenn sicherlich niemand je einen Business Plan zu Gesicht bekommen hat, der eine solche Anschaffung vorgesehen hätte.

Keine Umplatzierung im Rahmen des IPO

Die oben aufgestellten Regeln greifen natürlich nur, wenn Management und Altgesellschafter nicht bereits beim IPO satt Kasse gemacht haben. Wohl und Wehe der restlichen Beteiligung steht naturgemäß nicht mehr im Fokus, wenn schon einmal das gesamte investierte Geld und ein großer Gewinn aus der Umplatzierung erzielt wurde. Vor diesem Hintergrund muss eine Umplatzierung im Rahmen des IPO ausgeschlossen sein.

Auch zu Zeiten des Neuen Marktes 1.0 wurden Lock up-Vereinbarungen abgeschlossen. Allerdings erwiesen sich diese als zahnlose Tiger. Bis die Börse mit der Einführung einer zweiten WKN reagieren wollte, war es schon zu spät.

Bei der Konzeption des Neuen Markt 2.0 wird es entscheidend auf den engen Schulterschluss zwischen Emissionsbank und Börse ankommen, damit das Regelwerk wasserdicht ist und jeder genau seine Rolle machtvoll wahrnehmen kann.

13 Jahre ist das Debakel am Neuen Markt nun her. Die Trauerarbeit sollte längst abgeschlossen sein. Psychologen sprechen in so einem Fall von „komplizierter Trauer“. Auch die ist heilbar. US-amerikanische VC’s lachen über uns. Deutschland geriert sich an dieser Stelle als potenzloser Mitbewerber. Hinfallen kann jeder. Die Kunst ist, wieder aufzustehen.

Deutschland ist reif für den Neuen Markt 2.0.

Offensichtlich hat das Land noch Angst vor der Ernte.

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